Was ist der kinesiologische Muskeltest?
Im Coaching nutzen wir den kinesiologischen Muskeltest als körpereigenes Body-Feedback, um uns Stressoren und Ungleichgewichte anzeigen zu lassen. Der Test erfolgt an einem der Armmuskeln (bspw. Deltoideus anterior oder Latissimus dorsi).
Wie geht Muskel testen?
Muskeltesten heißt: Die Klientin hält den Muskel in einer vorgegeben Position, somit ist Spannung auf dem Muskel / der Muskel ist kontrahiert. Die Kinesiologin gibt dem gehaltenen Muskel einen gewissen Druck. Kann der Klient den Muskel in der Ausgangsposition halten, sprechen wir von einem „angeschalteten“ Muskel. Kann der Klient den Muskel nicht in der Ausgangsposition halten, sprechen wir von einem „abgeschaltenen“ Muskel. Letzterer kann sich auch durch vibriertes Halten oder Ausweichbewegungen (z.B. Drehen der Hüfte) bemerkbar machen.
Es gibt drei Arten von Tests:
- Stress-Test
- Ja-Nein Test
- Indikatortest
Stress-Test
Der Test erfolgt wie oben beschrieben. Die Testperson denkt an ein bestimmtes Ereignis oder eine Situation. Bei angeschaltetem Muskel: kein Stress, bei abgeschaltetem Muskel: Stress.
Ja-Nein-Test
Ein bestimmter Satz wird laut vom Tester oder der Testperson ausgesprochen. Wichtig, dass der Satz eine bestimmte Aussage ist, die mit ja oder nein beantwortet werden kann. Anschließend wird getestet. Bei den meisten Menschen ist ein „ja“ ein angeschalteter Muskel und ein „nein“ ein abgeschalteter Muskel. Dieses sollte aber vorher verifiziert werden.
Indikatortest
Beim Indikatortest kommt es auf den Indikatorwechsel an. Der Wechsel kann sowohl von einem angeschalteten auf einen abgeschalteten Muskel oder umgekehrt erfolgen. Wichtig ist: Ein Ereignis, welches relevant ist, wechselt den Indikator! Diese Art von kinesiologischem Muskeltest kommt zum Beispiel bei der Auswahl der Balance-Methode zum tragen.
Seit wann gibt es den kinesiologischen Muskeltest?
Der Muskeltest wurde in den 1960er Jahren von den amer. Chiropraktikern Dr. Georg Goodheart und John F. Thie entdeckt. Es gab damals schon den physiologischen Muskeltest zum Testen der Muskelfunktionalität. Bei der Anwendung in seiner Praxis machte Georg Goodheart durch Zufall folgende Beobachtung: Ein gesunder Muskel testete beim Gedanken des Klienten an eine Person (Gerüchten zufolge die Schwiegermutter) plötzlich schwach. Sobald dieser wieder mit seinen Gedanken bei etwas anderem war, testete der Muskel wieder stark. Dieses Phänomen wurde von Georg Goodheard und John F. Thie weiter verfolgt. Sie fanden heraus, dass Muskeln auf äußere Reize (bspw. Geräusche, Nahrungsmittel) und innere Reize (bspw. Gedanken, Erinnerungen) mit unterschiedlichem Muskeltonus reagieren. Ein Prinzip, das in der kinesiologischen Balance intensiv genutzt wird.
In der Fachrichtung Touch for Health, dem Ausgangspunkt der Kinesiologie, gibt es 42 verschiedene Muskeln, die getestet werden können.
Wie funktioniert der kinesiologische Muskeltest?
Die genaue Funktionsweise des Muskeltests ist neurologisch noch nicht abschließend erforscht. Bekannt ist jedoch, wie Muskeln und Gehirn über das zentrale Nervensystem miteinander interagieren, um Bewegungsabläufe zu koordinieren. Daraus ergibt sich ein nachvollziehbares Erklärungsmodell, wie die Kommunikation zwischen Muskeln und Gehirn durch andere Reize beeinflusst werden kann.
Wie Gehirn und Muskulatur zusammenarbeiten
Eine zentrale Rolle spielen dabei die Muskelspindeln und Golgi-Sehnenorgane. Diese Sinnesrezeptoren sind in die Muskulatur eingebettet und melden dem Gehirn kontinuierlich Informationen über Spannung, Länge und die Geschwindigkeit der Längenveränderung eines Muskels.
Das Gehirn reagiert darauf, indem es über sogenannte Alpha- und Gamma-Motoneuronen sowohl die Muskelkontraktion als auch die Empfindlichkeit der Muskelspindeln steuert. Stimmen die Aktivität der intrafusalen Muskelfasern (in den Spindeln) und der extrafusalen Fasern (im eigentlichen Muskel) überein, funktioniert die Bewegung wie geplant.
Was passiert beim „Abschalten“ des kinesiologischen Muskeltests?
Beim kinesiologischen Muskeltest passiert es, dass ein Muskel beim Testen nachgibt, obwohl die bewusste Absicht war, ihn zu halten.
Einem nachvollziehbaren Erklärungsmodell besagt, dass andere Reize – beispielsweise emotionale oder unterbewusste – in diesen fein abgestimmten Regelkreis eingreifen. Die Gamma-Motoneuronen sind über Interneuronen mit Gehirnzentren wie dem limbischen System verbunden, zu dem auch Amygdala und Hippocampus zählen. Diese Areale verarbeiten emotionale Reize und Stress.
Wenn ein emotionaler Reiz über diese Bahnen Einfluss nimmt, kann sich die Steuerung der Muskelspindel kurzfristig verändern – der Muskel „schaltet ab“, weil die Rückkopplung nicht mehr zur bewussten Bewegung passt. Dieses Phänomen ist meist nur vorübergehend, oft nur für den Bruchteil einer Sekunde, solange der störende Impuls anhält.
Lust bekommen, den kinesiologischen Muskeltest einmal selbst auszuprobieren?
Dann Informiere dich hier über meine Angebote oder nimm direkt Kontakt zu mir auf. Alternativ kannst du auch einfach weiterlesen und ein ähnliche Methode, die auf demselben Phänomen beruht, ganz in Ruhe zu Hause ausprobieren.
Body-Feedback für zu Hause
Eine alternative zum kinesiologischen Muskeltest
Eine Body-Feedback kann auch ohne den kinesiologischen Muskeltest eingeholt werden. Diese Methode wird auch als Noticing bezeichnet. Stellt man sich beispielsweise mit beiden Beinen auf den Boden und beobachtet bewusst den eigenen Körper, so kann die Reaktion auf verschiedene Gedanken, Situationen, Zustände erfasst werden.
Nimm deshalb zu Beginn die Körperreaktion beim Gedanken an einen äußerst entspannten Zustand wahr und notiere die Signale. Nimm außerdem die Körperreaktion beim Gedanken an eine äußerst stressige Reaktion wahr und notiere die Signale. Gehe anschließend Situationen durch, die du auf Stress überprüfen möchtest.
Die Übung schult die Selbstwahrnehmung und auch die Kommunikation mit dem eigenen Unterbewusstsein – es ist leicht und kein Hexenwerk!
Body-Feedback unverhofft
Manche kennen vielleicht auch die Situation, wo einem ein Glas oder ein Stift aus der Hand fällt. Da hat der Körper auf einen bewussten oder unbewussten Reiz reagiert.
Grenzen des kinesiologischen Muskeltests
Ist der Muskeltest nun ein ultra-universelles Werkzeug oder ist seine Anwendung begrenzt? Die Antwort lautet „Jein“. Zum einen, ist der Muskeltest immer auf das eigene Fachgebiet begrenzt. Zum anderen ist das menschliche System oft sehr komplex und die Antworten nicht immer direkt nachvollziehbar oder eindeutig.
Das eigene Fachgebiet
Als Coach habe ich beispielsweise die Kompetenz, Menschen zu beraten, ihnen tiefergehende Fragen zum Thema zu stellen und Interventionen zur Unterstützung auszuwählen. Das könnte ich auch ohne den Muskeltest! Und für diesen Bereich kann ich den Muskeltest dann auch wunderbar einsetzen.
Im Internet findet man auch ab und zu, der Muskeltest seie ein Werkzeug, um Diagnosen zu stellen. Das ist falsch! Denn es gilt nur für Mediziner – also Menschen, die auch ohne den Muskeltest Diagnosen stellen dürfen. In der angewandten Kinesiologie wird der Muskeltest daher oft zur Auswahl von Behandlungsmethoden eingesetzt, meist wenn es verschiedene Möglichkeiten gibt.
Umgang mit dem Ergebnis
In der Regel gibt es bei der Klientin auf das Ergebnis des Muskeltests eine Resonanz. In dem Fall hat der Muskeltest geholfen, sich selbst ein Stück näher zu kommen oder besser zu verstehen. Bleibt diese Resonanz aus, stellt sich die Frage:
Was haben wir übersehen? Habe ich sauber getestet? Gibt es auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedliche Antworten? Lautet die Antwort auf emotionaler Ebene bspw. anders als physischer Ebene und welche Ebene antwortet hier?
Der Muskeltest ist damit Mediator zwischen dem Bewusstsein einer Person und dessen Körper. Die Information steht im Raum und über das Gespräch oder tiefergehendes testen (alle Ebenen einzeln, kreative Ideen) bleiben wir einfach im Kontakt mit dem, was geschieht. Manchmal zeigt sich erst viel später die Logik der Antwort.
Fakt ist: Der Muskeltest ist nicht die ultimative Wahrheit, sondern Mittel zum Zweck, um sich selbst ein Stückchen auf die Spur zu kommen.